19.8.18

Eine Geschichte von Lars, Friedrich und Erdmännchen

Was ist eine Geschichte? Ein Gedicht? Wie geht Erzählen? Wann ist etwas erzählenswert? Wir alle haben Vorlagen im Kopf, wie und was man erzählen kann und darf. Als unsere Pauline drei?, vier? Jahre alt war, hat sie mit Lego Friends gespielt, ein Bausystem mit einem ziemlich komplizierten Bauplan. Hat sie toll geschafft. Aber danach hat sie alles wieder auseinander gebaut und hat ihre eigenen Pläne, Geschichten sich ausgedacht. Es ging um ein paar Leute, die auf einem Schiff eine Weltreise gemacht haben. Als das Schiff fertig war, bestand sie darauf, mir die Geschichte von diesen Leuten auf Weltreise zu erzählen. „Du musst mir aber auch wirklich zuhören“, hat sie gesagt, „das ist eine lange Geschichte.“ Ich glaube zwei Wochen lang gab es jeden Abend eine Fortsetzung. Ich habe mir damals ihre Erzählweise, die einfache Art Sätze zu formulieren, den sprunghaften Gang der Ereignisse, und ihre Erzählfreude, ihre mäandernde Phantasie habe ich mir in einem Skizzenbuch notiert. Mit der Begeisterung, mit der sie erzählt hat, habe ich zugehört. Wie finde ich zu dieser Geschichte Bilder? Das die Bilder und der Text gleichberechtigte Freunde sind, wie die Freunde in der Geschichte? Kann das eine Pop Up Geschichte sein? Bedeuten mir diese Geschichten noch das Gleiche wie damals, heute, wo Pauline fast 10 Jahre älter ist? Können die Geschichten für andere, für andere Kinder eine Bedeutung haben? Ihnen Mut machen selbst zu erzählen?


4.8.18

So könnte eine Geschichte anfangen.


Manchmal reicht mir der Anfang einer Geschichte. Zu sehen, zu spüren, so könnte eine Geschichte anfangen. Und wie die Geschichte weitergeht, müsste ich mir jetzt mühsam ausdenken. Aber manchmal reicht mir auch der Augenblick, nur den Anfang zu entdecken. 

2.8.18

Ein Märchen

Vor langer Zeit als die Erde, die Menschen, die Tiere und auch alle Lebensmittel aus Papier gemacht waren, da war die Sonne noch gar nicht die Sonne, und der Mond war noch nicht der Mond, da lebten beide, ohne dass Einer vom Anderen gewusst hätte, lebten sie auf der Erde in einer kleinen Stadt, die natürlich auch aus Papier gemacht war. (Vielleicht fragt mich jetzt einer, kann das denn überhaupt sein, ist das möglich, das alles aus Papier gemacht wurde? Wenn doch alles aus Papier gemacht wurde, woraus wurde denn dann das Papier gemacht? Das ist eine Frage, die sich so leicht nicht beantworten lässt, kein Mensch weiß so genau, da ist guter Rat teuer, aber zurück zu unserer Geschichte.)
Eines Tage fuhr der Mond mit seinem Auto in die Stadt zum Einkaufen. Er machte sich stets eine lange Liste, schrieb alles auf, was er so für sich brauchte und so war es völlig ausreichend, dass er nur einmal im Monat einkaufen ging. 
„Ich fahre nicht gerne in die Stadt zum Einkaufen", sagte er, da gibt es immer so viele Menschen, und manchmal kucken mich die Menschen gar nicht richtig an.“ Aber dann eines Tages, der Mond packte gerade Obst und Gemüse in seine Vorratstasche, da blickte er sich um, ohne zu wissen, warum er das tat, etwas Merkwürdiges war geschehen, er blickte sich also um, und sah eine Frau, die war so schön, wie er noch nie eine gesehen hatte. Sie strahlte, ein wunderschönes Licht war um sie, und überstrahlte alles Graue und Trübe und alle schlechte Laune. Der Mond war sofort verliebt in diese schöne Frau. Er fasste sich ein Herz und sprach sie an, wer sie denn sei, fragte er. „Ich habe Sie so oft ich hier auf dem Markt zum Einkaufen gekommen bin, habe ich Sie noch nie gesehen.“ „Sie kommen ja auch nur einmal im Monat“, sagte sie. „Aber wenn Sie wissen wollen, wer ich bin, ich bin die Sonne.“ Und dann gingen der Mond und die Sonne noch ein Stück des Weges zusammen, und als sie sich trennten, versprach der Mond, von nun an jeden Tag zum Einkaufen zu kommen, und schon am dritten Tag, als sie sich wieder sahen, machte er ihr einen Heiratsantrag und sie sagte: „Ja.“ Nach der Hochzeit zogen sie zusammen in ein kleines Haus am Stadtrand und lebten dort glücklich und hatten sich lieb. Aber igals dann der Sommer kam fing der erste Streit an, und der wurde immer schlimmer. „Hier in unserem Haus ist es viel zu warm, ja sogar viel zu heiß“, sagt der Mond fast jeden Tag. „Unsinn“, sagte die Sonne, „es ist viel zu kalt, du strahlst nämlich eine ungeheuere Kälte aus“, sagte die Sonne. „Früher hast du es gern gehabt, wenn ich dich mit meinem Licht gewärmt habe.“ „Ja früher“, sagte Mond, „früher.“ 
„Ich glaube du liebst mich nicht mehr“, sagte die Sonne. 
„Du liebst mich nicht mehr“, sagte der Mond, „sonst würdest du nicht so eine Hitze verbreiten." So ging es nun fast jeden Tag zwischen den beiden und eines Tages, frühmorgens, die Sonne wachte immer vor dem Mond auf, um 5 Uhr in der Früh, da verließ sie ihren Mann und flog hoch hinauf an den Himmel. Da konnte sie strahlen, wie eine richtige Sonne nur eben strahlen kann, und alle Menschen freuten sich: „Jetzt gehört die Sonne nicht nur dem Mond, sondern uns allen“, sagten die Menschen auf der Erde. Als aber der Mond aufwachte und merkte, dass seine Frau nicht mehr neben ihm im Bett lag, da wurde ihm sofort klar, was geschehen war und er musste bitterlich weinen. Als er aus dem Fenster schaute, sah er hoch oben am Himmel seine Frau und da er was zu tun war. Er packte ein paar Dinge für eine lange Reise ein und flog hoch an den Himmel und wollte zu seiner Frau, wollte ihr sagen, dass er für immer bei ihr bleiben wollte, auch wenn es hier oben am Himmel sein sollte, am Himmel, wo sie beide ein unendlich großes Wolkenhimmelshaus bewohnen konnten, und es nie dem einen oder anderen zu kalt oder zu heiß sein würde, ja, das alles wollte er der Sonne sagen, aber die war schon weiter geflogen, um die halbe Erde weiter gezogen und der Mond lief hinter ihr her, und beeilte sich und beeilte sich noch mehr, aber so sehr er sich auch beeilte konnte er sie niemals mehr einholen.

31.7.18

Es war einmal

Es war einmal zu einer Zeit als die Schokolade noch aus Papier gemacht wurde, da lebte in einem Land, das damals noch keinen Namen hatte eine grüne Katze, die fliegen konnte. Jeden Morgen nach dem Frühstück, wo es Schinkenwurstbrötchen zu essen gab, die auch aus Papier gemacht wurden, die Brötchen aus einer Art dunklem Packpapier, die Schinkenwurst wurde aus den Überbleibseln des Weihnachtseinpackpapiers gemacht, jeden Morgen also ging die grüne Katze, die fliegen konnte aus dem Haus, das Haus war natürlich nicht aus Papier gemacht, da hätte ja jeder kommen können und es umpusten, zum Beispiel ein Pustekuchen oder ein Pustepolizist, also die grüne Katze, die fliegen konnte ging aus dem Haus und flog 4-3 mal um ihr Haus. Das heißt das Haus gehörte eigentlich ihren Eltern, die Mutter war eine herzensgute einfache Hausfrau, die aus jeglichem Altpapier, die herrlichsten Süßspeisen zaubern konnte. Der Vater arbeitete in der Autoindustrie (nur nebenbei gesagt, die Autos waren damals auch aus Papier gemacht, wir können uns gut vorstellen, was damals los war wenn es regnete. Der Regen war natürlich auch aus Papier gemacht und verstopfte die Autobahnen und auch die Zufuhrstraßen in die Innenstadt. Es war dann kein Durchkommen mehr, schlimm!) Also, die grüne Katze, die fliegen konnte, flog also um ihr Haus und dann flog sie hoch hinauf, so hoch, dass man sie nur mit einem Spezialpapierfernrohr noch sehen konnte, hoch über den Wolken schwebte sie dann. Ihre Mutter ermahnte sie stets nicht ganz so hoch zu fliegen. „Und faß mir bloß nicht die Sonne an“, sagte sie zu der grünen Katze die fliegen konnte, „die ist nämlich sehr heiß.“

28.7.18

37 Grad im Schatten

Eine ganze Woche über 35 Grad. Jeden Tag Blumen, Sträucher und Bäume gießen. Ich probiere ein paar neue Pop Up Techniken aus, je virtuoser diese Techniken sind, desto weniger fällt mir eine Geschichte dazu ein. Wie geht das: Zuerst die Technik , dann die Geschichte? Oder Umgekehrt? Ich suche, wie kann ich mit Pop Up erzählen? Was erzählen? Selbst die komplizierteste Technik ist einfach, aber eine einfache, stimmige Geschichte zu erzählen ist schwer. Dann komme ich wieder mal zu Gedichten, Kinderreimen, ein kleines Buch ist das jetzt geworden, also warum nicht nach diesen heißen Sommertagen, wenn man wieder denken und phantasieren kann, wenn die Sonne scheint, aber auch ein frischer Herbstwind weht, warum dann nicht mit den Kindern im Kindergarten nochmal Pop Up Karten machen? Oder dann mit viel Zeit ein Weihnachtsgeschichtenbuch? Aber erstmal soll es heute ein Gewitter mit viel Regen geben. Auch nicht schlecht.

20.7.18

Königskerzen

Heute morgen war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Ich fahre fast immer die gleichen Wege. Bei den alten englischen Häusern habe ich ein paar Skizzen gemacht. Locker werden! Dann auf dem Rückweg komme ich an eine Stelle wo noch vor 2 Jahren eine tolle Brache war. Auf der Brache wuchsen verschiedene Pflanzen, Blumen, Lichtnelken zum Beispiel, aber am schönsten waren die Königskerzen  die da wuchsen. Kandelaberkönigskerzen. Jede Menge. Wunderschön. Jetzt steht da ein Haus. Schnell gebaut, sieht man auch, modern, daneben Stellplätze für Autos, o.k. kann man ja sagen, ich mag das Haus nicht. Aber der Bürgersteig und der Fahrradweg sind noch nicht gemacht, zehn Zentimeter Unkraut und  Bauschutt sind geblieben, das kommt  bestimmt auch noch weg, und dazwischen, unglaublich,  wachsen wieder Königskerzen. Kleine, aber auch Kandelaberkönigskerzen.

19.7.18

Bäume, Gespenster, viel Sonne und kein Regen.

Zweimal in der Woche gieße ich jetzt den Baum vor unserem Küchenfenster. Es hat seit Wochen nicht geregnet, fast alle Bäume verlieren schon viele Blätter und es sieht ein bisschen nach Herbst aus. 60 bis 80 Liter sagen die Grünflächenämter sollen wir gießen. Immer wieder wenn ich mit der Gießkanne losgehe, höre ich jemand rufen: Das nutzt doch sowieso nichts! Die Bäume müssen sich doch von alleine wieder erholen! Ein anderer Mensch ruft: Na, auf Ihre Wasserrechnung bin ich gespannt. Wer ist das eigentlich , der da ruft? Bin ich es selber? Und wenn ich es bin, der das alles sagt, wer spricht dann aus  mir heraus? Bestimmt nicht ich. Ich habe den leisen Verdacht, es ist derselbe, der mich, wenn er mein Skizzenbuch ansieht, immer fragt, warum zeichnen Sie das nicht richtig? Was soll man machen? Man wird diese Gespenster ja nicht los. Ich kann nur immer wieder versuchen, sie mir zu Freunden zu machen.  

11.7.18

Was mir das Zeichnen bedeutet

Das ist eine Postkarte. Hängt bei uns am Pinbrett in der Küche. Die Karte ist zwei Jahre alt. Da waren wir alle auf der Insel  Texel, in den Niederlanden, am Meer, in einem sehr schönen Ferienhaus.  Die Postkarten, die man so zu kaufen bekommt in den Tourismusferiengeschäften, finde ich alle schrecklich. Warum eigentlich? Warum sind mir solche Postkarten ein Greuel? Weil ich da hinten drauf sehr wahrscheinlich auch was ausgelutscht Blödes drauf schreiben würde. Und da habe ich mir gesagt: Was würdeste du denn für eine Postkarte selber machen?  Nur Zeichnen! Wie Kinder zeichnen! Trauste dich das? Ja, ich trau mich. Aber zeichne jetzt bloß nicht den Strand mit dem Leuchtturm im Hintergrund! Aber was denn? Glücksmomente! Das, worüber du dich freust,  was lustig und wichtig ist, wo du  wieder mal siehst: Das Leben ist echt schön.  Auf dieser Karte hier sitzt meine Pauline am Frühstückstisch. Alleine. Weil sie immer die Letzte gewesen ist die aufgestanden ist. Die Anderen waren schon unterwegs zum Strand. Wie mich das gefreut hat! Jeder schläft so lange er will, frühstückt so schnell oder so langsam er will, und der Frühstückstisch ist ein herrliches Chaos, und wer räumt das alles wieder auf? Ich, ich möchte das machen. Und dann ist die Pauli auch losgegangen, zum Strand, ich hab aufgeräumt und gemerkt, wie gut es mir geht, zeichne das auf! 
So ungefähr ist diese Karte entstanden. Und die Karte habe ich auch verschickt. An meine Pauline. Und jetzt hängt sie schon zwei Jahre an unserem Pinbrett und wenn ich die Karte heute wieder ansehe, auch nur im Vorbeigehen ansehe, dann bin ich wieder auf Texel und genauso  fröhlich wie damals. Ich meine , so müsste mein Zeichnen sein: Etwas erleben, etwas Lustiges, Heiteres, und es so zeichnen, dass das Gefühl, das Erlebnis in dem Bild enthalten ist , enthalten bleibt, auch nach ein paar Jahren.  
Noch was: Wenn man sich die Karte genau ansieht und wenn man links oben aus dem Fenster schaut, kann man im Hintergrund den leuchtenden Leuchtturm von Texel sehen. Is aber falsch! Der Leuchtturm leuchtet doch nur nachts und nicht beim Frühstück. Man konnte den aber genau von unserem Fenster aus sehen.
Und noch was: Gerade fällt mir ein, dass Carl Larsson einmal seine Tochter gemalt hat als sie alleine am Frühstückstisch sitzt, weil sie zu spät aufgestanden ist und dass er sich darüber wohl genauso gefreut hat wie ich. Das ist ja dann nochmal doppelt so schön. 

9.7.18

Postkarten machen

Jetzt bin ich immer noch mit dem Fahrrad unterwegs, und irgendwie wird das mein Urlaub sein, obwohl ich eigentlich gar keinen Urlaub mache, weil Künstler ja auch gar nicht arbeiten und also auch keinen Urlaub machen, und weil man ja aus dem Urlaub immer Postkarten nach Hause schickt, habe ich mir gedacht, die Postkarten mache ich jetzt selber, wenn ich wieder zu Hause bin, Buntstifte auf Fotokarton, und dann schreibe ich was hinten drauf, und ne Briefmarke dazu und dann schicke ich jemandem Urlaubsgrüße von meinen Fahrradtouren. Aber ehrlich gesagt, das Zeichnen von Postkarten ist mir eigentlich schon Fahrradtour und Urlaub, Zeichnen ist ja wie verreisen.  Obwohl wir könnten uns auch wieder mal das Meer ankucken. In Echt. Ach, ich weiß es doch auch nicht.
iv>

6.7.18

Immer noch mit dem Fahrrad unterwegs

Gestern habe ich viele Nachrichten gelesen, gesehen. Ein Nachrichtensprecher sagte, dass wir in turbulenten, unsicheren Zeiten leben. Wirtschaftskriege, Umweltzerstörung, Flüchtlinge, Krieg, Mord und Totschlag. Und ich? Was mache ich? Darf man in solchen Zeiten noch draußen mit dem Fahrrad unterwegs sein, eine andere Welt suchen und sie dann in kleinen Bildern wiederfinden?

5.7.18

Aus der Erinnerung zeichnen

Ich habe mich heute morgen noch mal an die Fahrradtour vorgestern erinnert und habe noch mal Wege aus der Erinnerung gezeichnet. Merkwürdigerweise sind die Zeichnungen dann stimmiger. Nicht richtiger aber stimmiger.iv>

4.7.18

Mit dem Fahrrad unterwegs

Vier Stunden mit dem Fahrrad unterwegs. Ich muss immer lange fahren, bis ich wirklich woanders bin, bis ich von diesem Nachrichtenwahnsinn weg bin, bis ich sehe, dass die Welt und das Leben  schön ist. Ein Bach, eine Auenlandschaft, ein einsamer Weg, und dann immer um eine Wegbiegung herum, die freudige Überraschung, wenn dann aus dem Grün wieder Häuser zu sehen sind: Da wohnt wer! 
Es hat seit vielen Tagen nicht geregnet, die Wiesen und Felder sind vertrocknet, das Getreide abgemäht, jetzt schon, Noternte, sagen die Bauern. 
Und dann, plötzlich, riesige Pappeln, ich hatte vergessen, wie groß die sind, wunderschön.