25.9.14

Noch was zu Eskapismus und Zeichnen, Goethe und das Leben überhaupt

Heute morgen war ich bei Fielmann, meine neue Lesebrille abholen und da wollte ich mir den neu gestalteten Platz vor dem Rathaus und der Hauptkirche anschauen. Die haben da lange dran gearbeitet und dann muss man sich das doch auch mal ansehen. Sieht der Platz jetzt schöner aus? Heute morgen waren noch nicht so viele Leute unterwegs, da konnte ich mich an den Rand setzen und ein bisschen zeichnen. Das ist ja ein öffentlicher Platz, da darf man die Leute zeichnen. Es passiert mir nämlich immer öfter, dass mich irgendein Oberaufseher anspricht und mich fragt: "Darf ich mal fragen, was Sie hier machen?" Dann sage ich, was ich da mache und dann sagt der Oberaufseher: "Das ist hier aber ein Privatgelände und da dürfen Sie nicht fotografieren." Dann sag ich, dass ich ja gar nicht fotografiere , sondern vielmehr zeichne und dann sagt der Oberaufseher: "Trotzdem!" "Trotzdem" heißt, verlassen Sie das Gelände. Das mache ich dann auch, da hab ich dann keine Lust mehr, auch wenn ich Recht habe. Aber heute morgen ging das mit dem draußen die Wirklichkeit zeichnen. Der neu gestaltete Platz ist ein großer Platz, ich weiß noch immer nicht, ob der jetzt schöner aussieht, was gibt es hier zu sehen?, erst mal nichts und die evangelische Hauptkirche ist zu groß für mein Skizzenbuch. Dann sehe ich die Leute, die vorbeigehen. Schnell gehen sie, eilig, schon heute morgen mit dem Handy am Ohr. Wenn man Leute zeichnet, die über einen Platz gehen, merkt man, dass das gar nicht geht. Ich meine, die Leute  verharren ja nicht in einer Position,  bis ich mit der Zeichnung fertig bin. Ich kann die aber trotzdem zeichnen, weil ich weiß, wie Leute aussehen, wenn sie gehen. Ich zeichne also was ich weiß und nicht was ich sehe. Oder? Das heißt doch, dass ich mir die Wirklichkeit schon wieder zurecht phantasiere. Dass ich schon wieder aus der Wirklichkeit fliehe. Oder? Wenn ich zeichne weiß ich: Es gibt gar keinen Unterschied zwischen  Realität und Phantasie. Das ist ein Ding. Ein starkes Gefühl ist dieses Wissen und wegen diesem Gefühl zeichne ich. Die neue Lesebrille von Fielmann ist übrigens richtig gut.


1 Kommentar:

Rob Dunlavey hat gesagt…

Oh, I KNOW this feeling of relying on training and memory to capture a moving living thing. Perhaps it is like playing a musical instrument: the muscles know what to do and the perception struggles to influence and proclaim whatever is original and unique in our moments of perception.

Explain this to the security guard! He assumes you are plotting to bomb the building. Possibly: we bomb with Art to know Life better.