4.1.15

Wilde Gärten

Nur noch die kleinen Holzlauben. Davor eine vier Fußballfelder große zerfurchte, zerbaggerte Lehmmatschfläche. Ekelig nassgrau. Ein paar Krähen suchen da was. Der Bagger hat auch die Holzlauben krumm und schief gebrettert. Vor den Lauben noch Müll, aber der wird sicher bald abgeholt. Es steht noch kein Bauschild, aber ich bin mir sicher, hier werden Wohnhäuser gebaut, eine neue Siedlung, Ein- und Mehrfamilienhäuser, preiswert zur Miete wohnen wird man da können. Familien mit Kinder zum Beispiel. In der Mitte ein Spielplatz. Aber vielleicht kommt da auch ein neues Einkaufzentrum hin. 
Bis vor ein paar Wochen war das eine herrliche, eine verwilderte Landschaft. Birken, Weißdornhecken, wilde Kirschbäume, Sommerflieder, unzählige Brombeer- und Himbeerbüsche, Farne, Brennnesseln, Disteln, Blumen, deren Namen ich nicht weiß, gut so!, ohne Namen sind sie noch schöner und geheimnisvoller,  wilde Gräser, in der Mitte ein Tümpel mit Kaulquappen. Kein Weg dadurch. Den musste man finden oder neu anlegen. Bis zu den Holzlauben am anderen Ende. Vor vielen Jahren hat Amon, unser Sohn, als er in die Grundschule ging, mit seinem Klassenkameraden Maxi da gespielt.
"Wir sind jetzt Landschaftsgärtner. Wir bauen uns einen eigenen Garten. Der gehört dann nur uns und die Erwachsenen dürfen hier nicht rein!" So ähnlich haben die beiden sich wohl gefühlt. War ein Geheimnis. Manchmal habe ich sie beim nach Hause holen in diesem wilden Garten nicht wiedergefunden. Jetzt gibt es wieder einen Garten weniger. Schade. 
Es ist doch aber so, dass die Kinder, und ich auch, besser gesagt, die Kinder mit mir, oder auch ich mit den Kindern immer wieder neu wilde Gärten entdecken, am besten geht das mit den Kindergartenkindern, irgendwo unterwegs in der Stadt, wir müssen uns nur gute Schuhe anziehen, was zu trinken und zu essen mitnehmen und eine Regenjacke und in der Hosentasche  ein Gedicht, weil: wenn man ein Gedicht in der Tasche hat, braucht man sich vor nix zu fürchten.

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