6.8.15

Im Garten arbeiten


Der Zenmeister Shunryu Suzuki Roshi soll einmal gesagt haben: Wenn wir kochen, dann arbeiten wir nicht nur am Essen, sondern auch an uns selbst und an unserer Beziehung zu anderen Menschen.“
Im Winter letzten Jahres gab es bei uns einen heftigen Schneesturm. Auf dem Ranunkelstrauch in unserem Vorgarten, 2,50 Meter hoch, lag dick der Schnee, dazu der Sturm und der Strauch neigte sich immer mehr, dann lag er auf dem Boden. Ich ging raus, im heftigen Sturm, war ratlos und habe den Strauch in der Mitte abgeschnitten. Schlimm. Aber jetzt konnte er nicht entwurzelt werden. Weil der Strauch nicht gut aussah und weil ich immer noch ärgerlich war, habe ich ihn im Frühjahr bis zum Boden runterschnitten. Jetzt gab es eine leere Stelle in meinen so schönen Vorgarten. Nur die Stoppeln waren zu sehen. Was jetzt? Sieht doch schlimm aus? Was wird daraus? Am besten ich kaufe einen neuen Ranunkelstrauch. Die kosten ja nicht viel. Ehrlich? Willste wirklich diese Pflanze, die mal so schön geblüht hat, willste die ausgraben und wegwerfen? Ja kuck mal wie das aussieht! Vielleicht kaufe ich auch einen schönen Rosenstrauch für diese Stelle. Wenn wir im Garten arbeiten, dann arbeiten wir nicht nur im Garten, sondern auch an uns selbst. Was wenn du versuchen würdest, Klaus, diese leere Stelle, wo nichts wächst, wo noch nichts wächst, wenn du sie anschauen könntest und versuchst, damit zutiefst einverstanden zu sein. Und wenn da nichts wächst? Ja, was machste dann? Vielleicht, wenn du diese Stelle im Vorgarten so ansehen könntest, dann könnstest du vielleicht auch lernen mit dir selbst und deinen Stellen wo noch nichts wächst einverstanden zu sein. Du könnstest lernen geduldiger zu sein, lernen , dass im Leben nicht alles immer sofort fertig ist, du könntest großherziger sein. Die Arbeit im Garten würde nicht nur den Garten sondern dich selbst verändern. An jedem Tag, wo ich da draußen bin, wird mir was deutlich und ich glaube, wegen solcher Erlebnisse arbeite ich im Garten. Ja klar, manchmal frage ich auch einen richtigen Gärtner um Rat. Aber ich entscheide, was ich davon gebrauchen kann und mache die Arbeit selber und lerne aus den Fehlern. Es ist eben was anderes, ob man einen Gärtner bestellt , der den Garten schnell fertig hat, oder ob man mit der Arbeit herausfindet, was Arbeit eigentlich ist: Eine Möglichkeit zu wachsen. Nicht nur etwas mit dem man Geld verdienen kann, etwas das man möglichst schnell aus dem Weg haben will, sondern ein Weg selbst. 
Im britischen Fernsehen gibt es eine Gartenshow, da kommt ein äußerst kompetentes Team zu einer Familie mit einem total heruntergekommen Garten, die Familie hatte ein schlimmes Erlebnis hinter sich, das Fernsehen will helfen, will den Leuten eine Freude machen und schickt die Familie für ein paar Tage aus dem Haus. Die schweren Maschinen kommen, reißen alles Alte raus und in einer Woche ist alles perfekt und neu und designed, Hochglanz, farbenprächtig, bunte Blumen, tropische Pflanzen, Hollywoodschaukel, die Familie kommt zurück und kann nur noch staunen und begeistert sein. Na gut. Jetzt haben sie einen schönen Garten. Das ist doch was Schönes. Und wenn sie selbst im Garten gearbeitet hätten? Ich dafür überhaupt keine Zeit!, sagen viele Leute. Ich habe vom Garten auch gar keine Ahnung. Fang irgendwo an! Versuche was! Lass den Garten dein Lehrer sein. Der Garten selber sagt dir was über Pflanzen und über dich. Arbeite! Mit deinen Händen! Lerne aus den Fehlern! Ich weiß, das alles hört sich merkwürdig an in dieser Zeit, in dieser Gesellschaft. Es ist nicht die herrschende Meinung. Ich mach mir doch nicht die Hände schmutzig! Mit viel Geld kann man sich vielleicht einen noch größeren Garten kaufen, und dann einen noch größeren, mit einem noch größeren Haus und dann könnte ich mir sogar einen bekannten Landschaftarchitekten leisten und der macht mir dann einen Garten, da werden die Nachbarn staunen! Wenn wir selbst im Garten arbeiten, werden wir lernen, unseren eigenen Einfällen, Erlebnissen zu vertrauen. Abseits von Anweisungen und Rezepten werden wir achtsam sein und sehen, hören, riechen, fühlen was gut ist, weil es uns gut tut. 
Der Ranunkelstrauch in unserem Vorgarten, ist jetzt wieder 2 Meter hoch, dichter, schöner denn je und früher hat der nur im Frühjahr geblüht, aber jetzt, Anfang August blüht zum ersten Mal in diesem Jahr.


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